Übers Lesen

Ich lese keine hundert Bücher im Jahr. Zum Glück. Ich wäre dann nämlich nicht in der Lage, mir mehr als einen Bruchteil von dem Gelesenen länger zu merken. Und ich mag es, wenn Bücher – Teile davon zumindest – eine längere Zeit im Kopf hin-und herschwappen. Insofern bin ich sehr froh, nicht beruflich lesen und mir schnell eine Meinung bilden zu müssen.

Ich lese trotzdem jeden Tag. Bis vor einer Weile habe ich versucht, das Lesen so weit wie möglich vom eigenen Schreiben zu trennen, nicht als Autorin zu lesen, sondern einfach so, wie die meisten Menschen, als Konsumentin. Das funktioniert immer weniger. Eigentlich gar nicht mehr. Ich bedauere das manchmal. Ständig sitzt die Autorin im Kopf, liest mit und mäkelt. Oder sie langweilt sich, wird ungeduldig, unduldsamer. Früher fand ich das Lesen an sich so schön, dass der Inhalt eine untergeordnete Rolle spielte.Vielleicht hängt diese lesende Unduldsamkeit aber nicht mit meinem eigenen Schreiben zusammen, sondern mit dem Alter. Das hört man ja immer wieder: „Im Alter greift man auf die Klassiker zurück.“ Wobei die Definition „Klassiker“ durchaus unklar ist. Ist es der Kanon von Reich-Ranicki? Oder die Oberstufen- Schullektüre?

(kleine Abschweifung: Die exemplarische Liste der „Anna-Freud Schule“, Berlin, beinhaltet für die Stufen 11 – 13 im Schuljahr 2016/17:

  • Einmal Goethe,
  • einmal Lessing,
  • einen (vermutlich aus einer weiteren Empfehlungsliste) von den Lehrer*innen frei wählbaren Roman,
  • und drei Dramen.

mhm … Welche Romane werden aktuell ausgesucht? Tschick und Auerhaus, is klar. Und sonst? Und: Hassen Schüler die Bücher danach eigentlich immer noch? So wie früher, also praktisch für’s ganze Leben? Bei mir ganz oben in der Liste durch Deutschlehrer verleideter Texte : Der kaukasische Kreidekreis  Abschweifungsende.)

Fakt ist: Ich interessiere mich in den letzten Jahren häufiger für tote Autor*innen als früher.  Da wollte ich nur Gegenwartsliteratur lesen.  Die lese ich auch weiterhin, aber es ist eben etwas dazu gekommen. Und oft bin ich überrascht. Von der Gegenwärtigkeit von Autor*innen, die z.B. Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben haben, von der Frische, die mich aus den Seiten anweht. Überrascht auch über die Ignoranz Blindheit meines früheren Ichs, das immer rief: Interessiert mich nicht. Ich will nur Bücher über das Hier und Jetzt lesen.

Ein paar Bücher möchte ich hier in Zukunft vorstellen und empfehlen. Nicht alle Autor*innen sind  tot, aber alle Bücher sind lebendig!

2 Antworten auf „Übers Lesen“

  1. verehrte Autorin,
    diese reduzierte Neugier für lebende Autoren und das Mäkeln an deren Opus klingt etwas nach useligem Winterabend an (Lebensmittel-)Krise 🙂
    ich,die ich noch(!) älter bin als Sie, bin jedenfalls froh -dank meinem unerschöpflichen Hunger auf unbekannte Neue -Ihre Frau Scholz entdeckt zu haben und freue mich „wie Bolle“, dass ich gestern bei vorablesen ein Renzensionsexemplar gewonnen habe:
    „Woher kennen wir uns, Frau Schmidt? Das denke ich während der ganzen Zeit des Lesens…im gleichen Alter wie Frau Scholz fühle ich mich derart gut durchschaut von der 20 Jahre jüngeren Autorin ,die sich so perfekt in den Gedankengängen und Nöten alter Rentnerseelen auskennt- allenfalls beschleicht mich etwas Wehmut, dass die von mir so geschätzte Originalität dabei verschüttet scheint…..“soweit der Beginn meines „Leseeindrucks“……ich bin SEHR gespannt auf das Gesamtwerk!!!!
    Bon courage und herzliche Grüße
    M.Müller Bonn

    1. Werte Frau Müller,
      aber nein, ich mäkel doch nicht. Im Gegenteil, das Interesse an „alten“ Autor*innen erweitert meinen lesenden Horizont ungemein. Aber auch bei denen ist es kaum möglich, nicht als Autorin bzw. Möchtegernlektorin zu lesen. Ich habe mich längst damit arrangiert und es ist gut so.
      Ich bin gespannt, ob Ihnen das Buch weiterhin in den Kopf schauen kann.
      Sarah Schmidt

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