Am Anfang stand ein Brief

Nellie Bly  Zehn Tage im Irrenhaus

Die Karriere von Nellie Bly (1864-1922) begann mit einem wütenden Leserbrief. Anlass ihrer Empörung war eine konservative Kolumne, in der gegen Frauen, die sich nicht auf Haushalt und Kindererziehung beschränken wollten, gewettert wurde. Ihre Entgegnung muss beeindruckend gewesen sein, denn der Herausgeber des „Pittsburg Dispath“ engagierte sie daraufhin kurzerhand als Journalistin.

Nellie Bly, gerade 18 Jahre alt,  schrieb eine Serie über Fabrikarbeiterinnen und verfasste Artikel zum Scheidungsrecht. Doch schnell wurden ihr nur noch „frauentypische Themen“ wie Gartenarbeit, Mode, Kunst oder Gesellschaftsnachrichten zugewiesen, die sie langweilten. Sie zog von Pittsburgh nach New York und kam über einige Umwege zur Tageszeitung „New York World“.

Deren Chefredakteur, Joseph Pulitzer, fragte, ob sie sich für einen Insider-Artikel in die psychiatrische Anstalt auf Blackwell’s Island  einweisen lassen würde.  Sie sagte zu. Und schrieb darüber: „10 Tage im Irrenhaus“.

Was mich an dem Buch fasziniert, ist vor allem die Naivität, mit der sich Nellie Bly in ihr Undercover-Projekt stürzte.

Sie hatte keinerlei Ahnung von Psychiatrie, (oder, in ihren eigenen Worten:  „Ich stellte es mit schwierig vor, fremden Menschen vorzumachen, dass ich geisteskrank sei. Ich war in meinem Leben niemals zuvor in der Nähe von Geisteskranken gewesen und hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, wie sie sich aufführten.“), sondern zog einfach so los, 23-jährig, um sich ihr eigenes Bild zu machen. Sie legte sich einen Decknamen zu, übte vor dem Spiegel Gesichtsausdrücke und „einen starren Blick“, von dem sie glaubte, dass sie zu Geisteskrankheiten gehörten. Dann las sie Gespenstergeschichten, zog alte Kleider an und suchte ein Zimmer in einem Heim für Arbeiterinnen. Dort erzählte sie der Heimleiterin eine wilde Geschichte über verlorene Koffer, weigerte sich, zu schlafen und schaffte es schließlich, dass die Polizei eingeschaltet wurde. Die brachte sie zum Gericht, sie hielt weiter an ihrer ausgedachten Geschichte fest, ein Arzt wurde hinzugezogen. Der glaubte, sie stünde unter Drogen und wies sie in das „Bellevue Hospital“ ein, wo sie in der Abteilung für Geisteskrankheiten untergebracht wurde. Eine weitere oberflächliche Untersuchung später hatte sie erreicht,  was sie wollte: Sie wurde offiziell für verrückt erklärt, ein „hoffnungsloser Fall“ und nach Blackwell’s Island, der „Irrenanstalt“ auf einer Insel vor New York, geschickt.

Was sie hier erlebte, empörte sie von Tag zu Tag mehr. Immer fassungsloser beschreibt sie in einem einfachen, aber blumig ausgeschmückten Duktus die Umstände, unter denen auf Blackwell’s Island 1887 unzählige Frauen in vollkommener Rechtlosigkeit, der Willkür von Ärzten und Pflegerinnen ausgesetzt,  leben mussten. Der zweiteilige Zeitungsbericht, der aus ihren Erfahrungen entstand, schlug nach der Veröffentlichung hohe Wellen. Bly zeigte die eklatanten Missstände der Behandlung und Unterbringung, schrieb über sadistische Misshandlungen durch die Wärterinnen und die ärztliche Inkompetenz sowie deren Desinteresse an den Patientinnen. Die Öffentlichkeit war empört, die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Die Psychiatrie blieb auch danach noch lange ein beliebtes Mittel, unliebsame, wütende, lästige und auch tatsächlich psychisch erkrankte Frauen loszuwerden. Aber nach Blys Reportage, die (sicher nicht zufällig) zu einer Zeit veröffentlicht wurde, als der Ruf nach Reformen der Psychiatrie sowieso lauter wurde, änderte sich tatsächlich etwas. Die Frauen auf Blackwell’s Island waren nicht mehr vollkommen rechtlos, mussten nicht mehr in Eiseskälte hungern und ein paar der besonders sadistischen Wärterinnen wurden entlassen.

Ihre Enthüllungsstory erschien noch im selben Jahr, mit Ergänzungen versehen, als Buch. Nellie Bly wurde bekannt, es folgten Reportagen über Dienstmädchen, Arbeiterinnen, sie entlarvte korrupte Kongressabgeordnet, ließ sich von Armenärzten behandeln, schrieb immer wieder über die Menschen und vor allem über die Frauen, die am wenigsten im Fokus der Öffentlichkeit standen.

Das Buch „10 Tage im Irrenhaus“ aus dem AvivA-Verlag enthält ein hervorragendes, ausführliches und kritisches Nachwort. Blys  Werdegang wird ausführlich beschrieben (zwei Jahre später trat sie, nach dem Vorbild von Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“ eine Weltreise an:  „In 72 Tagen um die Welt“ war das Medienereignis des Jahres), die Entwicklung des Umgangs mit psychischen Erkrankungen wird umrissen und ermöglicht so die historische Einordnung des Buches. Zusätzlich beleuchtet der Herausgeber und Übersetzer Martin Wagner den Hype um die sogenannten „Girl-Stunt-Reporter“. Denn Nellie Bly war bei weitem nicht die einzige Frau, die im späten 19. Jahrhundert als Undercover-Reporterin für Zeitungen schrieb. Aber sicher die Bekannteste.

Ein Buch mit Mehrwert, das bei mir lange nachwirkte.

 

 

Bly, Nellie: Zehn Tage im Irrenhaus
AvivA Verlag
192 Seiten Broschur m. Abb.
Leseprobe

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